Sätze

Jun 19, 2013 von

Mit Worten können manche Menschen malen wie andere mit Farben. Dann entstehen wundervolle Momentaufnahmen und manchmal auch wuchtige Gemälde, die mich verzückt lächeln lassen oder ehrfurchtsvoll erschaudern lassen. Solche Sätze zu finden, ist mein persönliches Lese-Glück.

Vor einiger Zeit fand ich z.B. in David Mitchells „Der Wolkenatlas“ diese Perle:

„Zuweilen flitzt das flauschige Kaninchen Fassungslosigkeit
so rasant um die Kurve, dass der Windhund Sprache
perplex in der Startbox sitzen bleibt.“

Ist das nicht wundervoll? Hach, an so etwas habe ich meine pure Freude!

Und auch Julie Zeh ist so eine Künstlerin. Ich lese gerade ihren Roman „Schilf“ und finde überall in den Buch ganz zauberhafte Sätze und Formulierungen. Weniger pompös als Mitchells Beispiel, aber dafür immer so treffsicher eine Stimmung oder Szene beschreibend, dass es mir für den Moment des Lesens den Atem nimmt:

„Die Sonne ist hinter den Wipfeln versunken und hat die Schatten
der Dinge mitgenommen, um sie bis zum nächsten Tag zu verwahren.“

Oder:

„Die Laternen am Rand des Parkplatzes tragen weite Röcke aus Licht.“

Oder:

„Drinnen hat der späte Abend den Wänden Rouge aufgelegt.“

Oder dieser Absatz:

„Er schaut in die Kronen der Kastanien, in denen die Spatzen lärmen,
und  überlegt, ob das Gezwitscher, auf Band aufgenommen 
und rückwärts abgespielt,
vielleicht menschliche  Worte ergäbe. Eine endlose Rede. Einen Roman pro Vogel und Tag.“

Ich könnte noch viele weitere zitieren und das mit wachsender Begeisterung. Solche Sätze lösen in mir Erkennen aus, Verstehen und Verstanden werden, ich sehe Bilder vor meine Augen und denke: Besser hätte man es einfach nicht sagen können. Solche Sätze kitzeln mein Bauchfell und am liebsten möchte ich rufen: Ja, ja, ja, genau so!

Das Schönste an solchen Sätzen ist für mich, dass sie mich inspirieren und anregen. Sie beeinflussen meine eigene Schreibe und mein Denken. Ja, manchmal kann ein einzelner, gefundener Satz sogar eine ganze Geschichten-Idee in mir auslösen.

Und nun ein Schreib-Tipp für Sie: Halten Sie doch selbst einmal gezielt Ausschau nach Sätzen oder Formulierungen, die Sie erfreuen. Die sie nicken lassen und die bei Ihnen ein Gefühl als Echo auslösen. Die für Sie so schön sind, dass Sie wünschten, Sie hätten sie selbst geschrieben. Schreiben oder kopieren Sie sich diese Sätze in eine Sammlung persönlicher Schreibschätze. Und nein, Sie sind, wenn Sie das tun, nicht wunderlich – manch einer sammelt Briefmarken, wir Schreiberlinge sammeln eben schöne Worte. Vollkommen normal. 😀

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5 Kommentare

  1. Danke Tania –
    danke für all deine Gedanken.
    Mit Herz & Segen!
    M.M.

  2. petra

    Liebe Tania!
    Mich begeistern Worte und Sätze auch total.
    Letztens hörte ich das Wort „gekullert“. Das fand ich einfach nur schön, es löste einige Assoziationen aus: Tränen, die kullern; Ich als Kind, wie ich den Berg hinunterkuller; Perlen, die auf dem Tisch kullern,…
    Und gleich war ein Lächeln auf mein Gesicht gezaubert.
    Liebe Grüße,
    Petra

  3. Tania

    Oh ja,

    „kullern“ ist ein tolles Wort 😀

    Herzlich,
    Tania

  4. Hahn Marion

    tolle Idee – da werde ich sicher schon sehr bald fündig werden 😉 ! alles Liebe von Marion

  5. monika.geitner@ live.de

    Liebe Tania!
    Danke für Deine Inspirationen. Uraltes Gesetz, jeder will seinen Samen streuen.
    Gegebenheiten berücksichtigen, heißt sich in der Mitte treffen.
    Was Bleibt?
    Blüten, die schon welken beim Pflücken
    nur für den Augenblick sie entzücken
    wie ein Wort, dass auf der Liebe erstirbt
    Schönheit im Vergänglichen wirkt

    Amorphe Empfindung
    jenseits des sprachlichen Laut
    etwas, das auf Ewigkeiten baut
    am Grunde glitzert das Verlangen
    alles in allem umarmend empfangen

    Religion ist wie die Liebe
    weltweit sie gedacht
    ach, wenn etwas von ihr bliebe
    Vielleicht das Leuchten in der Nacht Alles Liebe Monika

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