Eine Rose für Ingrid

Mai 6, 2012 von

Oder: Die Zärtlichkeit des Baggerführers

Hätte Ingrid an diesem Tag aufgeschaut, hätte sie sehen können, dass Günter heute ein Hemd trug. Er hatte es für Ingrid angezogen, so wie er sich rasiert und extra Aftershave aufgetragen hatte. Auch war er beim Friseur gewesen.

Er wusste, dass es schönere Männer als ihn gab, aber er war zufrieden mit seinem Spiegelbild gewesen. Er sah ordentlich aus, hatte noch mehr Haare als die meisten in seinem Alter und sein Bauch war deutlich kleiner als bei vielen. Und er musste lächeln, als er sich sah, denn er hatte etwas ganz Wunderbares vor.

Jeden Tag der vergangenen Wochen war Ingrid an der Baustelle vorbeigekommen, auf der Günter den Bagger bediente. Eigentlich war es kein Bagger, sondern ein Sortiergreifer, denn er war dafür verantwortlich, die verschiedenen Teile von den Ruinen in die verschiedenen Materialcontainer zu befördern. Aber das war nicht wichtig, für die meisten Menschen war er eben einfach ein Baggerführer. Manchmal hatte Ingrid nur kurz hochgesehen, manchmal war sie stehen geblieben und hatte zugeschaut, wie Günter Teil für Teil des abgerissenen Hauses in die großen Container schaffte – Metallträger, Türen, Fenster, Steine, Gitter und so weiter.

Sie war ihm sofort aufgefallen, diese kleine Frau mit den roten Haaren, die immer ein bisschen wild von ihrem Kopf abstanden. Es war schön gewesen, dass sie seine Arbeit beobachtete und er hatte sich immer besonders viel Mühe gegeben, kein Teil fallen zu lassen und alle ganz sanft in die Container zu legen. Überhaupt hatte die Arbeit so viel mehr Spaß gemacht als vorher, als in der Zeit, in der es noch keine Ingrid gab.

Günter wusste natürlich nicht, dass Ingrid Ingrid hieß, er hatte ja noch nie ein Wort mit ihr gesprochen, aber das spielte auch keine Rolle. Genauso wenig wie ihr Alter oder ihr Beruf oder ihre Geschichte. Für Günter war diese Frau DIE Frau. Sein Herz schlug laut und heftig, wenn er sie sah und den ganzen Tag lang summte es dann leise vor sich hin. Günter hatte sein Herz noch nie summen gehört und so war er sich sicher, dass Ingrid die Frau für ihn war.

Er hatte lange überlegt, wie er sich Ingrid offenbaren sollte und vor einigen Tagen war ihm etwas eingefallen. Und heute war der Tag gekommen. Es war genau der richtige Tag für sein Vorhaben.

Die Luft war mild und weich, der Himmel blau und die Sonne schmeichelte dem Leben. Ja, es war ein guter Tag.

Er sah Ingrid wie gewohnt schon hinten an der Kreuzung. Man konnte die Uhr nach ihr stellen. Das gefiel ihm. Zuverlässigkeit war wichtig. Schließlich musste man sich aufeinander verlassen können, nicht wahr?

Günter hatte ordentlich geübt für den heutigen Tag. Es sollte alles perfekt werden. Er wusste, er würde sich nur diesen einen Versuch geben. Sollte er sie damit nicht gewinnen können, würde er das als Entscheidung des Schicksals akzeptieren. Denn eigentlich hatte er eh nicht geglaubt, je eine Frau zu finden, die zu ihm passen würde. Aber für diese Frau war er bereit, alles zu wagen.

Er hatte sich immer schon schwer damit getan, sich zu verlieben. Anders als all die, die immer wieder neue Freundinnen hatten. So einer war er nie gewesen. Seine Mutter hatte immer zu ihm gesagt: „Es muss die Richtige sein, in der Liebe darf man keine halben Sachen machen.“ Und die Richtige war nie aufgetaucht. Zumindest nicht, bis er Ingrid entdeckte.

Ingrid war die Richtige, da war er sich sicher. Sie war es. Und seiner Mutter hätte sie auch gefallen. Ganz bestimmt. Die war nun aber schon lange Jahre tot und konnte nichts mehr dazu sagen. An den Tod seiner Mutter zu denken, machte Günter traurig.

Aber für Traurigkeit war jetzt keine Zeit, es gab doch einen Plan umzusetzen. Als erstes musste er schnell die Teile loswerden, die er gerade in seinem Greifer hatte. Hui, das schepperte. Aber Ingrid sah dennoch nicht zu ihm.

Da läuft etwas schief, dacht er. Vielleicht sollte ich bis morgen warten. Aber nein, heute war der Tag. Heute musste es geschehen. Heute oder nie.

Also schwenkte er den Arm weit hinüber, wo ein kleiner Tisch stand. Den hatte er am Morgen bereitgestellt. Auf diesen Tisch stand ein Eimerchen und in diesem Eimerchen schaute der Stil einer Rose heraus. Die Blüte war im Eimerchen, denn wenn Günter sie mit dem Greifer fassen wollte, dann sollte es ja so sein, dass die Blüte zu sehen war. Er wollte Ingrid schließlich nicht den Stil darbieten, nicht wahr?

Er war etwas nervös, stellte er fest, aber wenn Günter etwas konnte, dann war es mit dem Sortiergreifer umzugehen. Seit Jahren tat er nichts anderes, da machte ihm wirklich niemand etwas vor.

Ganz behutsam schloss er den Greifer um den zarten Rosenstil und hob ihn etwas an. Er durfte nicht zu fest zupacken, da der Stil sonst durchgeschnitten wurde. Das war ihm beim Üben oft genug passiert. Aber…, ja, er hatte die Rose gut zu fassen bekommen. Nun musste er nur wieder zurück zur Straße schwenken, wo Ingrid stehen und schauen würde.

Doch, da Ingrid heute nicht stehen geblieben war, war sie schon ein ganzes Stück weiter als geplant. Eigentlich war sie schon fast an der Baustelle vorbei. Hatte sie wirklich nicht einmal zu ihm geschaut? Wie konnte das sein? Wenn sie die Richtige war und er hatte einen so guten Plan gemacht und wenn heute DER Tag war, dann musste sie doch stehenbleiben, damit er ihr die Rose übergeben konnte. Wie konnte sie einfach weitergehen?

Günter sah Ingrid nach, die heute nicht aufgeschaut hatte und wusste, dass er morgen nicht mehr Ausschau nach ihr halten würde. Das machte ihn traurig. Sein Herz hörte auf zu summen. Und es war kein guter Tag mehr.

Tania Konnerth

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13 Kommentare

  1. Biggi

    Eine traurige Geschichte liebe Tanja…….die einen erkennen läßt, wie oft wir mit unseren Gedanken unsere Realität erschaffen. Und auch viel zu schnell aufgeben 😉

  2. Joachim

    Hallo Günter,
    was ist mit morgen, übermorgen …?

    Wäre es nicht vielleicht auch schöner, wenn Du ihr die Rose selbst überreichst und ihr dabei in die Augen schaust – ohne das technische Monstrum zwischen Euch?

    Und vergiss nie: Manchmal, ja manchmal gibt es auch eine zweite Chance …

  3. Hochachtung vor Günther – eine Blume mit dem Sortiergreifer überreichen.
    Ingrid hat es wohl gespürt und konnte dieses phantastische Wunder wohl nicht ertragen / gut, dass Günther keine weitere Zeit mehr in Ingrid-Ausschau investiert / da Günther nun für sich einen Versuch gestartet hat kann er nach einer Trauerphase weitermachen … die Frau Nr. 100 wird es dann sein…/ Viel Erfolg Dir Günther, bleib dran es wird klappen….

  4. Martina

    Wenn ich das richtig verstehe, dann ist Günter kein Jungspund mehr. Bis zu deren Ableben hat Günter bei Mama gewohnt. Ein gestandener Mann, der es bis zu diesem Zeitpunkt noch nie mit einer Partnerschaft, nicht mal mit einer losen, versucht hat? Ehrlich, hätte der Annäherungsversuch mir gegolten, ich hätte auch die Flucht ergriffen.

    • Annette

      ……..ich habe echt sehr schmunzeln müssen über diesen Komentar und hätte auch schnellstens das Weite gesucht. Ja, so sind wir Menschen, jeder auf
      auf seine Art und Weise geprägt….aber es gibt natürlich auch die Chance
      sich zu verändern!!

      • Martina

        Mensch, Annette, Günter kann einem ja leid tun. Ich habe noch keinen Mann, wieso sind das eigentlich immer Männer, erlebt, die nach so vielen Jahren Mamaprägung noch in der Lage waren eine Partnerschaft zu leben. Entweder sie machen stoisch ihr Ding, oder die Partnerin sagt und Mamas Liebling macht. Klingt für den ersten Momewnt vielleicht verlockend, aber ich glaube nicht, dass eine gesunde Frau das auf Dauer aushält.

  5. Diana

    Diese Geschichte macht mich wütend und traurig. Mich macht es stinkwütend, dass Günter so reagiert und die Geschichte deshalb so endet. Mein erster Impuls war, dass ich am liebsten zu ihm auf den Kran klettern und ihm eine reinhauenwürde. Aber dann wurde ich traurig und habe ich mich gefragt: Was muss ein Mensch glauben, um so zu reagiern, wie Günter es in dieser Geschichte tut?

    Und plötzlich kann ich sehen, weshalb das alles so passiert…
    Günther hat in seiner Kindheit etwas erlebt, z.B. seine Mutter hat ein Geschenk von ihm nicht ehrlich gewürdigt, sie ist einfach darüber hinweggegangen oder hat es vielleicht sogar achtlos in den Müll geworfen. Die Gründe für dieses Verhalten seiner Mutter sind ihm damals als Kind nicht klar gewesen, und er war zu dieser Zeit auch noch nicht in der Lage, es zu hinterfragen. Deshalb hat er sich mit seinem Geschenk von ihr zurückgewiesen und ungeliebt gefühlt. Er hat, wie alle Kinder dieser Erde, das Tun oder Lassen seiner Mutter nicht hinterfragt, sondern alles was von ihr kam automatisch und ungefiltert in sich aufgenommen. Zurückgeblieben sind dann Erkenntnisse und Glaubenssätze wie z.B. „Meine Geschenke bedeuten meiner Mutter nichts.“ d.h. „Ich bedeute meiner Mutter nichts.“ oder „Ich bin es nicht wert, geliebt zu werden.“ oder „Wenn nicht einmal meine Mutter es schafft, mich zu lieben wie ich bin, dann wird es wohl niemals jemandem gelingen.“ usw…

    Dieses prägende Erlebnis ist in seinem Leben vielleicht nur einmal vorgekommen, möglicherweise aber auch mehrmals, wer weiß. Aber schon das einmalige Erleben der vermeintlichen Ablehnung der Mutter in seiner Kindheit, hat bei ihm zu diesem Zweifel an der Liebe seiner Mutter und dem Zweifel an seinem eigenen Wert geführt. Und nun, viele Jahre später, führen diese, seit der Kindheit geglaubten Gedanken des Zweifels immer noch zu den gleichen Ergebnissen. Ist das nicht verrückt?! Und er ist so unschuldig in seinem Tun, genau wie seine Eltern unschuldig sind, denn sie haben sehr wahrscheinlich in ihrer Kindheit etwas ähnliches erlebt. So pflanzen sich die Gedanken und Urteile über Generationen fort…

    Günter tut in dieser Geschichte also das, was viele von uns, manchmal ein Leben lang, tun: Er glaubt seinen, in der Kindheit gefällten Urteilen und erzeugt die damit verbundenen Gefühle in sich selbst. Und er merkt es nicht einmal. Er selbst erzeugt sein Erleben dieser Situationen, Ingrid tut ihm nichts an. Sie tut einfach nur, was sie eben tut, und es hat absolut nichts mit Günter zu tun. Es ist sein Urteil über diese Situation, die ihn leiden lässt.

    Er erlebt diese Situation mit Ingrid nur deshalb nicht objektiv, weil er ihr Handeln, oder in diesem Falle eben ihr nicht handeln, aufgrund alter Erfahrungen und Gedanken beurteilt. Somit erschafft er seine Erfahrung mit Ingrid. Es geht gar nicht, dass er etwas anderes in dieser Situation erfährt, jedenfalls solange er seine „alten“ Gedanken und Urteile nicht hinterfragt.

    Und genau dieses Hinterfragen von Gedanken und Urteilen wurde ihm niemals beigebracht. Das ist es was mich so wütend macht. Weder unsere Eltern noch unsere Lehrer in der Schule haben uns jemals erklärt, wie man mit Gedanken und Urteilen konstruktiv umgehen kann. Wir bekommen zig Wege aufgezeigt, wie man bei einer Matheaufgabe zum gewünschten=richtigen=guten Ergebnis kommen kann. Aber kaum einer von uns hat schon jemals erklärt bekommen, das es auch mehr als einen Weg gibt, mit Hilfe der eigenen Gedanken zu einem guten und lebenswerten Leben zu kommen, einem Leben der Freude und der Liebe, einem Leben in Fülle. Es wird wirklich allerhöchste Zeit, dass wir diese Lektion endlich selber lernen und begreifen!

    Lasst uns aufhören, unsere Gedanken bedenkenlos zu denken und zu glauben.
    Lasst uns statt dessen unsere Gedanken und Urteile hinterfragen.

    Ich habe damit angefangen, das zu tun. Meine Methode der Wahl heißt THE WORK. Aber es gibt sicher dutzende Wege, die eigenen Gedanken und Urteile zu hinterfragen. Jeder von uns kann sich aus dieser Fülle den für sich richtigen Weg aussuchen. Ich wünsche uns allen viel Erfolg und Spaß bei unserem „neuen“ Denken.

    Danke Tanja, für’s Teilen dieser Geschichte. Mach weiter so, ich liebe deine Seite. Herzliche Grüße. Diana

    • Tania

      Herzlichen Dank, Diana, für Deine Reflexion und Rückmeldung. Ich freue mich sehr, so anregen zu können.

      Alles Gute,
      Tania

      • Gila

        Liebe Tania!

        Als „alte“ Absolventin eines Deiner Schreibworkshops reizte es mich, Deine Geschichte weiter zu schreiben:

        … Günter sah Ingrid nach, die heute nicht aufgeschaut hatte und wusste, dass er morgen nicht mehr Ausschau nach ihr halten würde. Das machte ihn traurig. Sein Herz hörte auf zu summen. Und es war kein guter Tag mehr.

        Der nächste Tag war ein Sonntag. Schon beim Aufwachen fühlte er sich schlecht. Den Sonntag mochte er ohnehin nicht gern. Da spürte er seine Einsamkeit besonders. Nach dem Frühstück trieb es ihn hinaus. Es zog ihn zum Bauplatz. Er seufzte. Am liebsten wäre er auf seinen Bagger geklettert und hätte gearbeitet. Das hätte ihn von seinen trüben Gedanken abgelenkt.

        Er versuchte sich vorzustellen, wie es gewesen wäre, wenn Ingrid tatsächlich seine Rose bemerkt hätte. Völlig in angenehme Träume versunken nahm er gar nicht wahr, dass er nicht mehr allein dort stand. Er seufzte. „Tut es Ihnen auch leid um das Haus?“ riss ihn eine weibliche Stimme aus seinen Gedanken. neben sich. Unwillig über Störung schüttelte er den Kopf und schenkte der Unbekannten nicht einmal einen Blick. Er hoffte, die Frau würde ihn nicht weiter belästigen. Doch die fuhr fort: „Ich komme fast jeden Tag hier vorbei und schaue zu, wie davon immer mehr verschwindet. Ich habe als Kind hier gewohnt. Und mit jedem Stück verschwindet ein Stück meiner Kindheit. Nun ist fast nichts mehr übrig.“

        Es dauerte ein wenig, bis ihre Worte endlich Günters Bewusstsein erreichten und er ihre Bedeutung erahnte. Er wandte sich zu der fremden Frau um. Aber sie war schon weiter gegangen. Von hinten sah er nur noch eine kleine Frau mit roten Haaren, die ein bisschen wild von ihrem Kopf abstanden.

        Liebe Grüße
        Gisela

  6. Alfons, wer weiß ….
    Ganz liebe Grüße
    M.M.

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