Zeit zu sterben

Sep 3, 2010 von

„Ein Abschiedsgeschenk an meinen Körper: wenn er es wünscht, werde ich meinen letzten Atemzug tun.“

Ensei

In diesem Zitat steckt für mich etwas sehr, sehr Großes. Diese zwei Zeilen sind für mich persönlich eine Antwort – und zwar eine mögliche Antwort auf meine Angst vor dem Tod.

Ich habe Angst vor dem Tod? Ja, ich denke schon. Vielleicht hat sie jeder, vielleicht gibt es auch tatsächlich Leute, die keine Angst vor dem Sterben haben (ich weiß auch nicht genau warum, aber denjenigen, die das immer am lautesten behaupten, nehme ich es meist am wenigsten ab). Mir macht der Gedanke an den Tod jedenfalls schon Angst. Dieses Nichtwissen, was kommt, die Vorstellung, dass das Leben hier wirklich zu Ende sein soll, alles, was ich kenne, liebe und bin…

Religiöse Antworten wie das christliche Bild vom Himmel (oder der Hölle), die buddhistische Idee der Wiedergeburt oder andere solcher Vorstellungen helfen mir persönlich nicht so richtig weiter. Es handelt sich dabei um Glaubensfragen, wirklich wissen kann meiner Ansicht nach keiner von uns, was wirklich kommt.

Und genau deshalb denke ich, berühren mich die Zeilen von Ensei so stark. Sie setzen exakt an dem Punkt an, den ich von meiner Vorstellung her noch fassen kann: Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem es Zeit zum Sterben ist. Und ich wünsche mir, dass ich diesen Moment nicht nur zuzulassen kann, sondern dass ich mit allem, was mir möglich ist, ja zu meinem letzten Atemzug sagen kann. Als mein Geschenk an mich und an mein Leben und an meinen Tod.

Das vielleicht tatsächlich erreichen zu können, tröstet mich enorm.

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4 Kommentare

  1. Frank

    Es sind unangenehme Gedanken, die Gedanken an den Tod allgemein und insbesondere an das eigene Sterben. Meistens machen sie betrüblich und man schiebt sie schnell beiseite, wenn kein konkreter Anlaß dazu besteht. Wahrscheinlich kommt es auch darauf an, in welcher Lebenssituation man sich befindet. In den letzten Jahren beschäftigt mich der Gedanke ans eigene Vergehen immer mehr, als erst meine Mutter starb und nun mein Vater sich schon im vorgerückten Alter befindet. Ich stellte seit geraumer Zeit immer Vergleiche an, was meine Eltern taten, als sie so alt waren, wie ich gerade bin. Wie schnell doch die Jahre vergehen.
    Angst entsteht oft, weil uns etwas unbekannt ist oder auch gerade die Erfahrung damit, umgehen tun damit wir auf verschiedene Weise, suchen nach Antworten und Beruhigung. Dieser Ausspruch von Ensei ist vielleicht eine Möglichkeit, die mir auch helfen kann, ich hoffe es, ich versuche es. Was sicher kommt, ist der Tod, nur der Weg dahin, den muß jeder selbst finden.
    Danke für den Gedankenanstoß, Tanja.
    Frank

  2. Eva

    Ein schöner Ansatz, hab ich so noch nie gelesen, danke!

  3. Ja, die Gedanken sind unangenehm, vor dem Sterben, vor dem Tod nicht mehr. Als ich das erste Mal von der Regenbogenbrücke hörte, über die die Tiere nach ihrem Tod gehen um dann am anderen Ende auf uns zu warten, da war es wie ein Schalter der bei mir umgelegt wurde. Ich stelle mir vor, alle Lebewesen die mir, und denen ich etwas bedeutet habe, warten auf mich und wir sind dann in Liebe vereint, wie kann es mir dann Angst oder Bange sein?
    Liebe Grüße
    Harald

  4. Liebe Tanja,
    Du hast in Deinem Text ja schon den gold-richtigen Ansatz gemacht, aber ich denke Du solltest genauer differenzieren. Mir scheint Du hast nicht Angst vor dem Tod, sondern vor dem Sterben.

    Auch das Zitat unterscheidet nicht wirklich, denn das Sterben kann nicht auf den kurzen Zeitraum reduziert werden, da einem der Körper vorschreibt oder abverlangt den letzten Atemzug zu tun.

    Da gefällt mir Deine Aussage viel besser: „Und ich wünsche mir, dass ich diesen Moment nicht nur zuzulassen kann, sondern dass ich mit allem, was mir möglich ist, ja zu meinem letzten Atemzug sagen kann. Als mein Geschenk an mich und an mein Leben und an meinen Tod“. Sie kommt aus (d)einer literarischen Feder, Du bezeichnest Dich als Autorin und Schriftstellerin, hat deshalb den richtigen Ansatz um auf philosophischer Ebene weitergedacht werden zu können.

    Was immer „dort“ ist – oder wie Du richtig sagst „wirklich wissen kann meiner Ansicht nach keiner von uns, was wirklich kommt“ – eines scheint mir sicher: jeder der sich über dieses Thema ernsthaft Gedanken macht darf darauf vertrauen, dass er selbst auch dort sein wird, mit seinem Denken und wie Du es formulierst: „alles, was ich kenne, liebe und bin…“
    – ob wir das dann allerdings noch brauchen werden oder werden verwenden können, das weiß natürlich niemand.

    Danke für Deinen Denkanstoß
    Willi

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