Viele gute Jahre

Sep 19, 2011 von

Es war richtig, das Haus zu verkaufen. Natürlich war es das. Jeder sagt das. Wir hätten das alles nicht mehr lange geschafft – das große Haus und den riesigen Garten. Wir sind alt geworden und müssen das einsehen.

Friedrich trifft es härter als mich, obwohl auch ich über 50 Jahre dort gelebt habe. Wie die Zeit vergeht. Es war das Haus seiner Eltern. Ich bin eingezogen, als wir geheiratet hatten. Seine Mutter haben wir in diesem Haus gepflegt, bis sie starb. Dann zogen wir unsere Tochter dort groß.

Wir hatten viele gute Jahre in diesem Haus.

Aber, Wehmut hilft uns nicht weiter. Dem Haus geht es gut. Eine junge Familie lebt nun in unserem Haus. Kinder spielen im Garten, so wie es sein soll.

Ich hoffe nur, sie kommen nicht auf die Idee, etwas hinter dem Schuppen pflanzen zu wollen. Wenn sie dort graben, werden sie auf die Hunde stoßen. Unsere Lilo, die so alt wurde, dass sie nichts mehr sehen konnte. Unseren Jack, der nur so kurz leben durfte, weil er von einem Auto überfahren wurde. Und unseren Baro, der der beste von allen war.

Mit seinem Tod fing es an. Oder besser: begann es aufzuhören. Es war der letzte Hund, den wir hatten. Wir seien zu alt für einen weiteren, hieß es. Dabei hätten wir gerne noch einen gehabt. Ruhig auch einen älteren aus dem Tierheim. So einen, den keiner mehr will. Der hätte gut zu uns gepasst.

Wir hätten uns einen anschaffen sollen, dann hätten wir jetzt wenigstens einen Grund raus zu gehen. Und wir hätten wohl auch das Haus behalten sollen. Hätten es nicht aufgeben sollen, noch nicht. Hätten dort bleiben sollen, wo unser Zuhause war.

Zu spät.

Das Haus ist verkauft. Meine Rosen blühen nun für andere. Für die, die nun auch unsere Kirschen ernten, es sei denn, sie fällen die Bäume. In ihnen saß in den Sommern unsere Tochter und später unsere Enkelin – rot verschmiert ihre Münder von den schwarzen Knuppern.

Friedrich hatte eine Schaukel an einem Ast befestigt, eine die weit schwang – fast bis hoch in die Krone. Ob nun die Kinder der jungen Leute dort schaukeln?

 

Es gab natürlich auch schwere Zeiten.

Der Friedrich konnte das Trinken nicht lassen. Wie oft habe ich bis spät in die Nacht auf ihn gewartet, bis er ins Haus polterte und ich ihn mit Mühe und Not ins Bett bekam. Und auch meine Krankheit stellte uns auf eine harte Probe.

Aber wir haben all das gemeistert und mehr. Gemeinsam.

 

Jetzt wohnen wir in einer Zweizimmerwohnung im Erdgeschoss. Wir müssen nur eine halbe Treppe gehen, acht Stufen. Genau das richtige für alte Leute.

Ja, es ist eine praktische Wohnung. Klein und übersichtlich. Einmal in der Woche kommt eine Reinemachfrau und der Vorgarten wird von einer Firma gepflegt, wir haben damit keine Arbeit. So sitzen wir auf dem Sofa und tun nichts.

„Ruht Euch aus.“ sagt unsere Tochter. „Genießt Euren gemeinsamen Lebensabend. Jetzt könnt Ihr all das machen, wofür Euch das Haus keine Zeit ließ.“

Was das sein könnte, darauf hat sie keine Antwort.

Nachts rieche ich das Gras unserer Wiesen und die reifen Äpfel. Ich höre das Knarren der Holzdielen und wie der Wind an den Läden klappert. Ich gehe in Gedanken barfuß durch den taufrischen Garten, sammle Schnecken ab und lausche, wie der Specht in den alten Weiden nach Maden klopft.

In unserer neuen Wohnung klappert und knarrt nichts. Ein Neubau. Praktisch. Schnecken gibt es auch nicht, dafür sorgt die Gartenfirma.

Wer weiß, wie lange wir hier überhaupt wohnen werden. Es ist nur ein Übergang. Ein Übergang ins Heim oder ins Nichts. Es ist vernünftig so.

 

Sehr traurig war auch meine Enkelin über den Verkauf. Sie weinte für mich und ich bin ihr dankbar dafür. Sie liebte das alte Haus mit seinem Reetdach und den schiefen Wänden so sehr wie wir. Und sie sagte, dass man alte Bäume nicht verpflanzen solle.

„Blödsinn.“ sagte meine Tochter. „Den beiden geht es hier viel besser. Das Haus ist viel zu groß und meinst du, der Opa könnte noch den Garten machen?“

 

Gestern mussten wir Friedrich abholen.

Eines der Kinder hatte ihn im Schuppen an seiner alten Werkbank gefunden. Es hatte geschrien, als wollte jemand es umbringen. Dabei saß da doch nur mein Friedrich, strich mit seiner Hand über die Arbeitsfläche seiner abgenutzten Werkbank und weinte leise.

Die jungen Eltern waren sehr wütend.

Ich habe mich entschuldigt, wieder und wieder. Habe gesagt, dass es nicht mehr vorkommen wird. Aber wissen kann ich das nicht. Er nimmt es halt schwerer als ich.

Meine Tochter redet nur noch davon, wie gut die Entscheidung war, das Haus zu verkaufen. Gerade jetzt, wo Papa so abbaut.

 

Gestern haben sie Friedrich angezeigt. Hausfriedensbruch. Zum wiederholten Mal. Jetzt reiche es, sagte die junge Frau, so gehe es doch nicht weiter.

Der Polizist wollte die Familie beruhigen und sagte, dass doch keine Gefahr von ihm ausgehe. Er vermisse halt sein Haus. Ein netter Mann war das.

Doch die jungen Eltern haben dafür kein Verständnis. Es wäre jetzt ihr Haus und damit basta. Der Alte könne schließlich nicht einfach kommen, wann er will. Verkauft ist verkauft.

Wir hätten weiter wegziehen sollen, der Friedrich und ich. Viel, viel weiter weg. Unsere Tochter war dagegen. Wir sollten in ihrer Nähe bleiben, damit sie sich um uns kümmern kann.

 

Friedrich kommt in ein Heim. Es sei das Beste für ihn und für mich.

Immer ist alles das Beste, nur gut ist es nicht.

Doch ich kann nichts dagegen sagen, denn ich kann ihn nicht daran hindern, weiter zurück zum Haus zu gehen. Seit wir das Haus verkauft haben, hört er nicht mehr auf mich. Er ist nicht mehr der alte, selbst mir ist er oft fremd.

Wir reden auch nicht mehr viel, der Friedrich und ich. Er sitzt nur noch da, mit diesem Blick der in die Ferne geht. Wahrscheinlich denkt er sich zurück in Zeiten, in denen er Holz hackte und aufs Dach stieg, um die Regenrinnen zu säubern. In Zeiten, in denen er immer etwas zu tun hatte.

Manchmal steht er einfach auf und geht. Die acht Stufen der halben Treppe hinunter und zur Tür hinaus. Ich weiß dann, er geht zum Haus. Wie soll ich ihn halten?

Er ist auch schon mitten in der Nacht gegangen. Ich wachte auf, und das Bett neben mir war leer. Ich wusste, er ist beim Haus. Ich habe versucht, weiter zu schlafen, aber das konnte ich nicht. Also habe ich mich in die kleine Küche gesetzt und gewartet. Gewartet, bis sie mir den Friedrich zurückbringen.

 

Neulich traf ich die junge Mutter auf der Straße.

Sie wollte so tun, als hätte sie mich nicht gesehen. Ich aber ging zu ihr hin. Erzählte ihr, dass sie sich nun keine Sorgen mehr machen müsste, denn der Friedrich sei nun im Heim.

Ich glaube, sie schämte sich, denn sie verabschiedete sich eilig und lief davon.

 

Nun bin ich allein.

Friedrich ist gestern ganz gegangen. Vorgegangen, wie ich denken möchte.

Er hat sich nicht verabschiedet, denn er wusste nicht mehr, wer ich war. Ich habe ihn jeden Tag besucht, doch er schaute mich nicht an. Mir war klar, dass er geht.

Ich sitze in der Zweizimmerwohnung, die nichts als praktisch ist, und friere.

Ich träume von unseren bemoosten Gehwegplatten, aus deren Ritzen immer Löwenzahn wuchs. Ich höre den Gesang des Pirols und ich rieche den Flieder in der Blüte. In Gedanken beschneide ich meine Rosenbüsche und nasche von den Johannisbeeren. Ich höre Friedrich und meine Tochter unter dem Rasensprenger lachen, das Wasser war immer so kalt.

Friedrich wird noch ein Weilchen auf mich warten müssen, schätze ich. Meine Familie war immer schon langlebig. Und da ich in meiner Wohnung nicht in Gefahr gerate, einen Unfall zu haben, weil ich nichts tue, als aus dem Fenster zu schauen, werde ich sicher noch älter als die anderen.

So bleibt mir viel Zeit, mich zu erinnern an mein Leben vor diesem.

Tania Konnerth

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24 Kommentare

  1. Sylvia

    Liebe Tanja,

    was für eine wunderbare,nachdenklich machende und herzberührende Geschichte !!!!!!!!!!!!

    Bin gerade dabei , mir Deine neue Seite anzusehen, auf die Du im Zzl-Newsletter aufmerksam gemacht hast. Wirklich wunderschön ! Freu mich darauf, was es hier alles zu entdecken gibt. Danke für all das was Du hier lässt.

    Liebe Grüße

    Sylvia

  2. Margie

    Liebe Tania,

    mir geht es wie Sylivia, ich bin sehr berührt, da ist so viel Wahres drin!
    Danke für die schöne Geschichte!
    Alles Gute für dich auf deinem neuen Weg!
    LG Margie

  3. Sabine

    Liebe Tanja,

    möchte mich auch bedanken, dass wir die Möglichkeit haben, weitere Geschichten Gedanken von dir zu lesen!
    Diese Geschicht macht einen wieder einmal sehr nachdenklich!
    Vielen Dank!!
    Liebe Grüße
    Sabine

  4. Reiner

    Hallo Tanja,

    ich finde Deine Geschichte für mich nicht schön. Wir – die beine Alten – wohnen auch in einem alten Haus, aber für uns entscheidet keiner, dass wir raus müssen, weil es vernünftiger wäre! Was ist vernünftig – wir bleiben und unser Hund auch!!

  5. Heike

    Liebe Tania,
    die Geschichte regt unwahrscheinlich zum Nachdenken an…Auch ich habe Eltern, die aus ihrer Wohnung ausziehen sollten,
    Da sie beide schon knapp an die 70 sind, und aus irgendeinem Grund, schaffen sie es nicht.

    Diese Geschichte lãßt mich Nachfühlen..
    Danke

  6. Katja

    Liebe Tania,

    Danke fuer diese Gedanken anregende Geschichte!
    Wohl war, was fuer Entscheidungen, auch wir noch juengeren Menschen treffen, weil es doch eigntlich dann leichter wird.

    Leichter ist halt nicht immmer gut.
    Dir wuensche ich jedenfalls viel Erfolg und danke fuer die schoenen Fotos, freue mich schon, was ich wohl hier sonst noch finden werde. 🙂

    Ciao von Katja (einer Reiterin aus NZ)

  7. Conny

    Liebe Tanja,
    ich schließe mich erst mal Sylvia an und dann hat mich ein Satz aus dieser Geschichte besonders berührt:“ Immer ist es das Beste, nur gut ist es nicht.“
    Wie oft treffen wir in unserem Leben nach diesem Motto Entscheidungen und eigntlich sind wir totunglücklich dabei und wenn andere diese Entscheidungen für uns treffen, wie bei diesem alten Ehepaar ist es wohl noch viel schlimmer.
    Wir sollten uns mehr für das entscheiden, was für uns gut ist und nicht das Beste.
    Danke für diese Erleuchtung.
    In diesem Sinne alles Gute für dich!
    Conny

  8. divkovic vesna

    liebe Tania,

    danke für wunderbare Geschichte.

  9. Horst

    Hallo,
    wenn statt Friederich der Name Horst eingesetzt wird, dann lese ich in ihrer Geschichte meine Zukunft. Meine Frau möchte unser Haus mit grossem Garten, denkmalgeschützt, 1920, verkaufen. Vielleicht überdenkt sie ihre Meinung wenn sie diese Geschichte gelesen hat.
    Danke für den Blick in ( vielleicht ) meine Zukunft.

  10. Anita

    Liebe Tania
    sehe mich gerade auf deiner Seite um.werde dich immer wieder besuchen .
    Deine Geschichte berührt mein Herz aufs tiefste .Aber so oder ähnlich geht es vielen älteren Leuten. Unserer Welt sperrt Menschen weg die nicht in unser Bild passen .ich bin so traurig ……………..freundlichst Anita

  11. christa braß

    Liebe Tannia!
    Ich habe geweint beim Lesen Deiner Geschichte und ich weine immer noch. Als mein Mann starb, hatte ich das große Glück, daß meine Tochter mit ihrer Familie das Haus übernommen hat und ich in einer kleinen Dachgeschoßwohnung wwohnen kann. Die Wohnung ist vollkommend ausreichend, weil ich mich noch an meiner Familie erfreuen kann. Ich danke Gott jeden ZTag für dieses große Glück. Kristina

  12. Margreta

    Liebe Tanja,

    ich danke Dir für diese berührende Geschichte, sie macht traurig – aber sie öffnet auch das Herz und macht Mut, bei sich selbst zu bleiben… Das Beste ist meist nicht gut genug ….

    Ich hatte Dich schon vermisst und freue mich über DEINE wunderbare Seite – herzlichen Dank und alles Gute für Dich,
    Margreta

  13. Christa

    zufällig bin ich auf diese wunderbare Geschichte gestoßen. Sehr schön. Wir d.h. mein Mann und ich haben erst noch mit knapp über 50 Jahren an mein Elternhaus angebaut und wohnen wieder in meinem Heimatdorf, wo ich mit 20 Jahren fortgezogen bin. Wegen meinen alten Eltern, meine Mutter ist letztes Jahr verstorben, abe mein Vater, fast 89 Jahre alt, hat dieses Jahr ganz viel im Garten gemacht – gepflanzt, Unkraut gejätet usw. Wir haben geerntet und ich bin froh, wenn ich mittags koch mit Produkten ganz frisch geerntet. Er hat noch Pläne fürs nächste Jahr, hat Erdbeerpflanzen gesetzt und überlegt, was er noch alles pflanzen kann.
    …..weil ich nichts tue, als aus dem Fenster zu schauen, werde ich sicher noch älter als die anderen.
    Ist das ein Leben???
    …..So bleibt mir viel Zeit, mich zu erinnern an mein Leben vor diesem.
    nur die Erinnerung zu haben und keine Aufgabe mehr, neee, das ist nicht gut.

    Er hat jetzt auch aus dem großen Garten viele Äpfel geerntet und irgendwas fällt ihm immer ein, was er machen kann. Natürlich ist die Gesundheit nicht mehr die Beste in dem Alter, auch nach 2 Hüft OPs und einer Oberschenkelfraktur im letzten Jahr, wo er sogar vorübergehend einige Wochen in einem Altenheim war, da er nicht auftreten durfte bis zur Heilung und nicht in seinem Haus wegen der Enge der kleinen Räume und vielen Treppen gepflegt werden konnte.
    Nunja, der Garten und die Heimat hier hält ihn fit.

    Eine sehr schöne Geschichte, die bestimmt vielen so passiert – ist aus dem Leben gegriffen, leider.

  14. Jörg

    Liebe Tanja,

    vielen Dank für diese berührende Geschichte. Sie regt wirklich zum Nachdenken an …

    Die Geschichte hat mir auch noch einmal deutlich gemacht, wie viel Glück wir bei uns in der Familie hatten.
    Wir wohnten als Großfamilie; zu bestimmten Zeiten wohnten hier in verschiedenen Wohnungen vier Generationen gleichzeitig. Auch wenn die Uroma dann ihre Urenkel nur noch wenige Jahre begleiten konnte, sie konnte es.
    Und sie konnte sich auch jeden Tag (bis auf den allerletzten) an ihrem (und unserem) Garten erfreuen. Was für ein Geschenk für alle!!!

    Danke, dass Du es mir noch einmal nach so vielen Jahren bewusst gemacht hast.

  15. janii

    Liebe Tanja,

    ich bin immer noch ganz berührt von deiner Geschichte. Deine Gabe ist es, den Leser zu berühren und zum Nachdenke anzuregen, das ist wunderbar!! Auch wenn wir nur kurz eintauchen konnten, in das Leben der Beiden, so ist in mir doch ein ganz tiefe Gefühl aufgekommen. Viele Dank dafür!

    Janii

  16. Helga

    Hallo Tania,

    Deine Geschichten sind keine Geschichten im eigentlich benutzten Sinn des Wortes, Deine Geschichten sind wie das Leben! Als ganz frische Rentnerin bin auch ich schon von meinem Sohn gefragt worden, ob ich nicht zu ihm ziehen möchte. Aber alles „aufgeben“ was mir wichtig war und immer noch ist? Mich so ganz einem anderen Ablauf, einer anderen Umgebung anzupassen fühle ich mich zwar nicht zu alt, aber ich habe das GEfühl, damit würde ich ein Stück meines egenverantwortlichen Lebens aufgeben.
    Also habe ich das Gegenteil gemacht – mich noch einmal beworben! Als Altenpflegerin war ich ziemlich eingespannt und auch körperliche Wehwehchen traten auf. Aber es fehlt mir die Begegnung mit (alten) Menschen. Ich werde demente Menschen tagsüber betreuen. Dieser neue Schritt hat einerseits Mut gefordert (durch eine offene Türe gehen), andererseits bringt es mir geradezu neue Energie.

    Viele Deiner wirklich inhaltsreichen Geschichten habe ich schon lange als Dískussionsgrundlage für Gespräche mit Menschen im Altenheim genutzt und werde das auch in Zukunft so machen. Nicht nur Menschen mit Lebenserfahrung verstehen die Botschaften und Emotionen zeigen sich in „Lesekreisen“.

    Danke und viel Erfolg beim Schritt „durch eine neue Tür“.

    Helga

  17. Irmgard

    Liebe Tanja,

    ich habe geweint bei der Geschichte. Vielleicht weil ich an meine Zukunft denke – wer weiß, was kommt? -, wahrscheinlich aber, weil ich an meine Mutter gedacht habe. Ich möchte nicht, dass sie in ein Altenheim muss. Sie ist momentan noch rüstig genug, dass sie von einer Schwester betreut – zwei- bis drei mal täglich – ihren Alltag meistern kann. Doch was ist, wenn sie stärker pflegebedürftig wird? Ich bin so weit weg gezogen und auch mein Mann fordert sein Recht. Ich weiß, dass ich es lösen muss, denn meine Mutter soll in dem Haus leben dürfen, in dem sie die ganzen Jahre gelebt hat.

    Dort kann sie ihren Tagesablauf so gestalten, wie sie will. Den Garten kann sie schon lange nicht mehr machen. Um den kümmere ich mich, wenn ich bei ihr bin. Meine Geschwister sind auch für sie da und wir alle kümmern uns nach Kräften um sie.

    Ich kann sehr gut nachfühlen, wie schwer es für einen alten Menschen ist, alt Vertrautes aufzugeben. Ich hatte mich um meine Tante gekümmert, ihr nach Krankheit zugeredet, doch ins Heim zu gehen, nahe bei uns anderen Verwandten. Eine ehrenamtliche Betreuerin hatte mir das geraten. Aber ich werde ganz sicher nicht mehr einfach nach dem Rat anderer gehen, ohne wirklich sicher zu sein, denn meine Tante baute nach dem Wechsel ins Heim so schnell ab, dass ich geschockt war. Sie hatte ihren Halt verloren. Wenn ich es rückgängig machen könnte, würde ich es tun. Aber ich habe daraus gelernt.

    Deine Geschichte ist gut für alle zu lesen, sowohl für Ältere, aber vor allem für Jüngere, die es ja immer nur „gut meinen“. Man muss sich in die Eltern hineindenken, nicht nur für sie entscheiden wollen – dann macht man es wirklich gut. Man darf nicht seine Eltern entmündigen, nur weil sie alt geworden sind. Sie sind immer noch unsere Eltern und haben noch ihre Würde.

    Liebe Grüße und Danke,

    Irmgard

  18. markus kernberger

    Liebe Tanja, seit ein paar Jahren verbreite ich (geliehene) Gedanken der Seelsorge im Intranet der Klinik. Dabei waren mir oft auch deine Gedanken hilfreich. Eine meiner Lieblingsgeschichten ist: „mit Gott zu Mittag gegessen“ und „Löwenzahn“. Die heutige Geschichte(viele gute Jahre) finde ich sehr anrührend, sie spricht mit mir und ich will sie weitererzählen.Ich wünsche dir auf deinem neuen Weg Licht und Liebe und Kraft. Wenn du willst schicke ich dir ein paar Rationen „Gedanken der Seelsorge“. Anlass ist jeweils ein Fest oder so im Jahreskreis. Alles Gute, Markus

  19. Tania

    Wow,

    ein ganz, ganz herzliches Dankeschön für all die Rückmeldungen zu dieser Geschichte. Es freut mich sehr, dass sie das schafft, was ich erhofft hatte: zu berühren!

    Herzlich,
    Tania

    PS: @Markus: Gerne! Email-Adresse ist im Impressum.

  20. Eva

    Wunderbar berührende Geschichte.

    Freue mich auf mehr!

    Meine Eltern, 83 u 82, wohnen noch in ihrem Haus.

    Vater ist dement, weiß nicht mehr, wo er ist.
    Altwerden ist mitunter traurig .

    Alles Liebe
    Eva 🙂

  21. Sigrid

    ich finde die geschichte sehr berührend.
    als geschichte an sich.
    aber auch sehr negativ,
    was in mir widerstand regt.

    die alten leute leugnen komplett ihre eigenverantwortung an ihrem leben,
    niemand kann jemanden zwingen, aus einem haus auszuziehen.
    und wenn sie es tun, dann ist es auch eine sehr pessimistische sicht,
    sein ganzes leben an dieses haus zu knüpfen.

    wer selbst zu passiv ist, um entscheidungen zu treffen,
    muss damit rechnen, dass diese von anderen getroffen werden.

    ich sehe das aus einer anderen perspektive.
    mein vater lebt allein in einem großen haus,
    es ist das haus unserer familie, das meine großeltern gebaut haben,
    die aber schon lange nicht mehr leben.
    mein vater ist geschieden, die kinder sind alle groß,
    er arbeitet in einer größeren stadt, hat dort eine wohnung,
    wo er die halbe woche lebt.

    er ist noch nicht so alt, wie die leute in der geschichte,
    aber ich sehe das gegenteil.

    menschen gehen arbeiten, um sich besitz leisten zu können,
    weil sie ihre existenz daran knüpfen,
    ihre vergangenheit und ihre lebensgeschichte.

    natürlich ist ein haus in dem man lange jahre glücklich lebt
    emotional mit einem verbunden,
    aber es gibt einfach situationen, wo ich mich für mein leben und
    gegen besitz entscheiden will.

    man ist nicht, was man ist, wegen einem haus. oder garten. oder auto.

    ich bedanke mich für die geschichte,
    sie hat mich zum nachdenken gebracht.

    • Martina

      Liebe Sigrid,

      dein Kommentar macht mich beinahe sprachlos. Dieses Haus ist nicht nur ein Ort zum Wohnen für die alten Leutchen. Das ist eine Lebensleistung, ist ihr ganzes Leben.Alles, was für sie wichtigt war und was sie gemeinsam geleistet und bewältigt haben, hängt untrennbar mit diesem Haus zusammen.Dass alte Menschen oft entscheiden lassen, hängt aus meiner Sicht auch mit der Angst, den eigenen Kindern zur Last zu fallen, zusammen.Passivität hat damit ganz sicher nichts zu tun.
      In der Haut der Tochter möchte ich nicht stecken. Wenn sie nicht völlig gefühlskalt ist, treiben sie ihre Schuldgefühle durch die nöchsten Jahre. Dürfte auch kein gutes Leben sein.
      Martina

  22. Andrea

    Hallo Tanja, ich lese regelmäßig deinen Newsletter, habe aber noch nie einen Kommentar geschrieben. Ich sitze gerade an meinem Laptop und mir laufen die Tränen runter, über deine sehr authentische und berührende Geschichte. Ich habe auch noch Eltern, die über 80 Jahre sind. Ich merke jeden Tag, wie sie gesundheitlich abnehmen. Ich versorge sie und erledige so gut ich kann, viele Alltagsdinge.
    Ich glaube es ist schon wichtig, dass sie in ihrer häuslichen Umgebung glücklich sind und bleiben können, das ihnen auch eine gewisse Sicherheit gibt.
    Ich wünsche mir viele Menschen die hierfür sensibilisiert werden und ältere Menschen unterstützen, bei ihrem letzten Lebensabschnitt in ihrem gewünschtem Umfeld leben können.
    Ich wünsche mir, dass es Menschen gibt, die alte Menchen unterstützen in ihrem

  23. Tania

    Mich freuen all Eure Rückmeldungen zu dieser Geschichte! Herzlichen Dank für die vielen Kommentare – schön, berühren zu können!

    Tania

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